Frustrationstoleranz beim Hund: Was Frust wirklich bedeutet
Dein Hund bellt, weil er nicht zu einem anderen Hund darf. Er fiept, sobald ihr irgendwo warten müsst. Er springt in die Leine, wenn es nicht schnell genug weitergeht oder er wird unruhig, wenn er etwas sieht, aber nicht erreichen kann. Schnell fallen dann Sätze wie: „Der muss einfach lernen, sich zu beherrschen.", vielleicht hast du dich selber schonmal dabei ertappt, einen ähnlichen Satz zu sagen. Doch die Wahrheit dahinter ist, dass es nicht so einfach ist. Hinter vielen dieser Situationen steckt ein Gefühl, das wir Menschen selbst ziemlich gut kennen: Frustration. Und genau dieses Gefühl ist nicht automatisch ein Problem. Im Gegenteil: Ein angemessener Umgang mit Frust gehört zu einem alltagstauglichen Hundeleben dazu.

Aber erstmal sollten wir eine Sache klären, nämlich den Begriff der Frustration.
Frustration entsteht vereinfacht gesagt dann, wenn ein vorhandenes Bedürfnis, eine Erwartung oder ein angestrebtes Ziel nicht erfüllt werden kann. Der Hund möchte zu einem anderen Hund, darf aber nicht. Er möchte aus dem Auto springen, soll aber noch warten. Er erwartet, dass die Haustür aufgeht, doch wir unterhalten uns noch mit jemandem. Er möchte einer spannenden Spur folgen, doch die Leine verhindert es. Das Entscheidende dabei ist: Nicht die Situation selbst ist der Frust. Frustration ist die emotionale Reaktion darauf, dass etwas Erwartetes oder Gewünschtes gerade nicht möglich ist. Wie intensiv ein Hund darauf reagiert, kann sehr unterschiedlich sein. Während der eine kurz innehält und sich anschließend wieder anderen Dingen widmen kann, beginnt ein anderer vielleicht zu fiepen, zu bellen, in die Leine zu springen oder immer hektischer zu werden.
Frust ist nicht grundsätzlich was Schlechtes
Als Hundehalter möchten wir verständlicherweise, dass es unserem Hund gut geht. Deshalb versuchen wir manchmal, unangenehme Gefühle möglichst vollständig von ihm fernzuhalten, doch ein Leben ohne Frustration gibt es nicht. Nicht jeder Hund kann begrüßt werden und nicht jede Spur kann verfolgt werden. Nicht jede Tür öffnet sich sofort, auch nicht jeder Wunsch kann erfüllt werden. Das Ziel sollte deshalb nicht sein, dafür zu sorgen, dass unser Hund niemals Frust erlebt. Viel wichtiger ist, dass er Erfahrungen damit sammeln kann, wie er mit diesem Gefühl umgehen kann. Frustrationstoleranz bedeutet dabei nicht, dass ein Hund einfach „funktionieren“ oder unangenehme Situationen schweigend ertragen muss. Es geht vielmehr darum, dass Frust nicht jedes Mal zu einer emotionalen Ausnahmesituation wird. Ein Hund darf lernen, dass es gerade nicht möglich ist, er aber trotzdem mit dieser Situation dann zurechtkommen kann.
Warum Vermeidung Frust langfristig schwieriger machen kann
Stell dir vor, du würdest deinem Hund jedes Mal ermöglichen, sein Ziel zu erreichen, sobald Frustration entsteht. Er zieht zum anderen Hund und darf hin. Er fiept an der Tür und sie geht auf. Er fordert Aufmerksamkeit und bekommt sie sofort. Kurzfristig verschwindet der Frust häufig und das fühlt sich zunächst nach einer guten Lösung an. Langfristig fehlt dem Hund dadurch jedoch möglicherweise eine wichtige Erfahrung: Ein Bedürfnis kann gerade nicht erfüllt werden und die Situation ist trotzdem bewältigbar.
Frustrationstoleranz entsteht nicht dadurch, dass wir jeden Frust verhindern, im Gegenteil, sie entsteht durch angemessene Erfahrungen mit Frustration. Dabei geht es ausdrücklich nicht darum, einen Hund möglichst stark zu frustrieren oder ihn absichtlich in Situationen zu bringen, denen er nicht gewachsen ist. Die Intensität muss zum jeweiligen Hund passen. Lernen kann nur stattfinden, wenn die Situation für ihn noch bewältigbar ist.

Wie sieht geringe Frustrationstoleranz aus?
Frustration kann sich sehr unterschiedlich zeigen. Nicht jeder frustrierte Hund wird laut oder offensichtlich „wütend“. Mögliche Reaktionen können z.B. sein, dass der Hund...
bellt oder fiept
an der Leine zieht oder gar voll reinspringt
stark körperlich unruhig ist
sich hektisch verhält
Schwierigkeiten beim Warten hat
wiederholt Dinge einfordert
Übersprungshandlungen zeigt
zunehmende Erregung äußert
Schwierigkeiten hat, sich nach einer Situation wieder zu regulieren
Wichtig ist allerdings, dass keines dieser Verhaltensweisen für sich allein beweist, dass Frustration die Ursache ist. Bellen an der Leine kann beispielsweise genauso mit Angst, Unsicherheit, Distanzbedürfnis, Lernerfahrungen oder anderen Faktoren zusammenhängen. Deshalb lohnt es sich, Verhalten nicht nur danach zu beurteilen, wie es aussieht, sondern danach zu fragen: Warum zeigt dieser Hund dieses Verhalten in genau dieser Situation?
Frustrationstoleranz ist nicht dasselbe wie Impulskontrolle
Die Begriffe werden häufig synonym verwendet, beschreiben aber nicht genau dasselbe.
Impulskontrolle betrifft vereinfacht die Fähigkeit, einen unmittelbaren Handlungsimpuls zu hemmen oder aufzuschieben. Frustrationstoleranz beschreibt dagegen den Umgang mit dem emotionalen Zustand, der entstehen kann, wenn ein Bedürfnis oder Ziel blockiert wird. Ein Hund kann also äußerlich warten und trotzdem innerlich stark frustriert sein.
Genau deshalb reicht es nicht immer aus, einem Hund lediglich beizubringen, sitzen zu bleiben oder ein bestimmtes Verhalten nicht auszuführen. Wir sollten uns auch damit beschäftigen, was emotional währenddessen passiert. Wenn ich mit Frustrationstoleranz arbeite, möchte ich nicht, dass ein Hund sein Leben lang immer wieder starken Frust empfindet und lediglich lernt, ihn irgendwie auszuhalten. Das langfristige Ziel ist viel schöner: Situationen, die früher große Bedeutung hatten, sollen mit der Zeit weniger bedeutsam werden. Der Hund sieht einen anderen Hund und muss nicht mehr unbedingt hin, er wartet kurz und empfindet das nicht mehr als großes Ereignis. Eine Erwartung erfüllt sich nicht und seine Welt bricht trotzdem nicht zusammen. Aus einem anfänglichen: „Ich will da unbedingt hin!“ kann irgendwann ein: „Okay. Dann eben nicht.“ werden. Und genau dort beginnt für mich echte Alltagstauglichkeit.
Frustration entsteht im Alltag
Dafür braucht es nicht zwangsläufig spektakuläre Übungen. Der Alltag bietet jeden Tag kleine Situationen, in denen Hunde angemessen erleben können, dass nicht jede Erwartung unmittelbar erfüllt wird. Entscheidend ist dabei weniger, möglichst viele „Frustübungen“ durchzuführen. Viel wichtiger ist, den individuellen Hund zu betrachten: Wie schnell steigt seine Erregung? Wie stark ist seine Erwartung? Kann er sich anschließend wieder regulieren? Welche Situationen fallen ihm besonders schwer? Und welche Anforderungen kann er bereits gut bewältigen?
Training sollte dort beginnen, wo der Hund lernen kann und nicht dort, wo er nur noch versucht, irgendwie mit der Situation fertigzuwerden!
Frustration gehört zum Leben, auch zu dem Leben unserer Hunde. Wir neigen zwar dazu, müssen deshalb aber nicht jedes unangenehme Gefühl sofort verhindern. Gleichzeitig sollten wir einen Hund mit seinem Frust auch nicht einfach alleinlassen. Zwischen diesen beiden Extremen liegt der Bereich, in dem Lernen stattfinden kann. Wir können unseren Hunden ermöglichen, Frustration in einem angemessenen Rahmen zu erleben, sie dabei begleiten und ihnen helfen, zunehmend bessere Strategien im Umgang damit zu entwickeln, denn das Ziel ist nicht der Hund, der alles stoisch erträgt. Das Ziel ist ein Hund, für den viele Dinge irgendwann gar nicht mehr so wichtig sind.
Du möchtest das Verhalten deines Hundes besser verstehen?
Wenn Frustration, starke Erregung, Hundebegegnungen oder andere schwierige Alltagssituationen eure gemeinsame Lebensqualität einschränken, schauen wir im Einzeltraining nicht nur darauf, wie wir ein Verhalten stoppen können.
Wir schauen darauf, warum es entsteht und was dein Hund braucht, damit sich langfristig etwas verändern kann.
SELKE DOGS begleitet Mensch-Hund-Teams in Georgsmarienhütte und im Osnabrücker Land im individuellen Einzeltraining.
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